"Welche Eitelkeit habe ich verletzen können, ich neugeborenes Kind? Durch welche physische oder seelische Minderwertigkeit zog ich mir die Kälte meiner Mutter zu? War ich ein Kind der Pflicht, dessen Geburt zufällig war oder dessen Leben ein Vorwurf ist? - Ich wurde zu einer Amme aufs Land gegeben und drei Jahre von meiner Familie vergessen. Als ich in das väterliche Haus zurückkam, wurde ich so wenig beachtet, dass ich das Mitleid der Leute erweckte. Ich weiß nicht, welchem Gefühl oder welchem glücklichen Zufall ich es verdankte, dass ich mich aus dieser ersten Erniedrigung erheben konnte: weder als Mann noch als Kind bin ich mir darüber klar geworden."

( Balzac, "Die Lilie im Tal" aus Gesammelte Werke, Berlin 1953, S. 9) Buch bestellen bei amazon

 

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"Die Schule von Vendôme, das berühmteste Erziehungszentrum der mittleren Provinzen, wird von diesen beschickt und von den Kolonien. Die Entfernung gestattet es den Eltern also nicht, ihre Kinder oft zu besuchen. Die Vorschrift verbietet zudem, die Ferien außerhalb der Anstalt zu verbringen. Sind die Schüler einmal eingetreten, so verlassen sie die Schule erst nach Beendigung ihrer Studien ... Zu meiner Zeit war der "Zuchtmeister" noch eine lebendige Erinnerung, und die klassische türkische Riemenpeitsche, Kantschu genannt, spielte noch in allen Ehren ihre fürchterliche Rolle. Die Strafen, wie sie vordem von den Jesuiten erdacht worden waren und die sowohl auf Seele wie Körper einen gefährlichen Einfluss hatten, waren unveränderlich in das Programm mit aufgenommen worden.

So waren unsere Vergehen wie unsere Gefühle in Regeln eingeordnet, alles trug das Gepräge klösterlicher Einförmigkeit.

Trotz der vielen Fenster wurde die Luft dauernd verdorben durch die Ausdünstungen der Wascheinrichtung, durch das Kämmen, durch die Verschläge, durch die tausend Betätigungen der Schüler, ungerechnet unsere achtzig zusammengepferchten Körper.

Diese Art Anstalts-"humus", der sich unablässig mit dem Schmutz vermischte, den wir von unseren Spaziergängen mitbrachten, bildete einen Misthaufen von unerträglichem Gestank.

Das Fehlen der reinen und durchdufteten Luft der Felder, in der er bisher gelebt hatte, die Änderung seiner Gewohnheiten, die Disziplin, alles drückte Lambert nieder. Den Kopf immer auf seine linke Hand und den Arm auf sein Pult gestützt, so verbrachte er die Schulstunden und sah aus den Hof hinaus, auf das Laub der Bäume oder auf die Wolken am Himmel. Er schien seine Aufgaben zu machen; aber wenn der Lehrer sah, dass seine Feder sich nicht bewegte oder seine Seite weiß blieb, dann schrie er ihn an: "Lambert, Sie tun nichts!" Dieses "Sie tun nichts !" war ein Nadelstich, der Louis ins Herz traf. Und dann kannte er auch die Muße der Freizeit nicht, hatte "Strafarbeiten" zu machen. Die "Strafarbeit", eine Strafe, deren Wesen je nach den Sitten jeder einzelnen Anstalt wechselt, bestand in Vendôme in einer bestimmten Anzahl von Zeilen, die während der Freistunden abgeschrieben werden mussten. Wir beide, Lambert und ich, waren so mit Strafarbeiten überhäuft, dass wir in den zwei Jahren unserer Freundschaft nicht sechs freie Tage gehabt haben. Ohne die Bücher, die wir der Bibliothek entnahmen, und die das Leben in unserm Gehirn wach hielten, hätte uns dieses zu einem vollständigen Stumpfsinn geführt.

Das Fehlen jeder körperlichen Übung ist Kindern verhängnisvoll - was für tiefe, sowohl körperliche wie seelische Schädigungen muss eine dauernde Entbehrung von Luft, Bewegung, Frohsinn bei Schülern verursachen? Das ganze Strafsystem, das in den Anstalten herrscht, sollte einmal die Aufmerksamkeit der Autoritäten aus dem Gebiet der öffentlichen Erziehung auf sich lenken, falls sich unter ihnen Denker befinden, die nicht ausschließlich an sich selbst denken.

Zu den seelischen Schwierigkeiten, die Lambert überwinden musste, um sich in die Anstalt einzugewöhnen, gesellte sich noch eine nicht weniger schwere Lehrzeit, durch die wir alle hindurchzugehen hatten: die körperlichen Schmerzen, die für uns unendlich verschiedene waren. Bei Kindern verlangt die Zartheit der Haut überaus genaue Sorgfalt, besonders im Winter, wo wir Schüler - aus tausend Gründen - dauernd aus der eisigen Kälte eines schmutzigen Hofes in die heiße Temperatur der Klassenzimmer kamen.

Und so wurden wir aus Mangel an mütterlicher Sorgfalt, die den Kleinen und Kleinsten fehlte, von schmerzhaften Frostbeulen und tiefen Rissen in der Haut so heimgesucht, dass diese Schmerzen ein besonderes Verbinden während der Frühstückszeit erforderten, was aber wegen der großen Zahl von wehen Händen, Füßen und Fersen nur sehr unvollkommen gemacht wurde. Viele Kinder waren zudem gezwungen, die Schmerzen dem Heilmittel vorzuziehen: hatten sie nicht oft zwischen ihren Arbeiten, die noch fertig zu machen waren, zwischen den Freuden der Schlitterbahn und dem Abnehmen eines Verbandes zu wählen, der unachtsam angelegt und noch unachtsamer getragen wurde?

Zudem war es in der Anstalt Mode geworden, dass man die armen Geschöpfe, die zum Verbinden gingen, auslachte und dass man ihnen um die Wette die Lappen abriss, die ihnen die Krankenschwester um die Hände gebunden hatte. So waren im Winter mehrere unter uns mit ihren halb abgestorbenen, von Schmerzen gequälten Händen und Füßen kaum imstande zu arbeiten und wurden, weil sie nicht arbeiteten, bestraft. Der Pater, der oft auf unsere vorgeschwindelten Krankheiten hereingefallen war, legte auf die wirklichen Schmerzen kein Gewicht.

Von sechzig Kindern waren nicht zehn, die ohne besondere Qual gingen; aber alle folgten sie dem großen Haufen, von der langen Reihe getrieben, wie die Menschen im Leben vom Leben vorwärts gestoßen werden. Wie oft weinte nicht ein tapferes Kind vor Wut und fand doch die Energie trotz Schmerzen vorwärts zu gehen oder in den Stall zurückzukehren: so sehr fürchtet in diesem Alter die noch unerfahrene Seele Hohnlachen und Mitleid, zwei Arten des Spottes. Schon in der Schule - wie später in der Gesellschaft auch - verachtet der Starke den Schwachen, ohne zu wissen, worin wirkliche Kraft besteht.

Diese verschiedenen Schmerzen hatte Louis Lambert zu ertragen ... Seine frauenhaft zarte Haut, seine Ohren, seine Lippen sprangen bei der geringsten Kälte auf, seine weichen, weißen Hände wurden rot und geschwollen. Er war dauernd erkältet.

Doch das war noch nicht alles. Es bestand ein unablässiger Kampf zwischen Lehrer und Schüler, ein Kampf ohne Waffenstillstand, dem nichts in der Gesellschaft zu vergleichen ist.

Außer für ganz große Streiche, für die es andere Strafen gab, war in Vendôme die türkische Riemenpeitsche, der Kantschu, die ultima ratio Patrum. Für vergessene Arbeiten, schlecht gekonnte Aufgaben, gewöhnliche Streiche genügte die Strafarbeit; aber das verletzte Selbstgefühl der Lehrer sprach durch den Kantschu. Er bereitete uns den heftigsten der körperlichen Schmerzen, denen wir ausgesetzt waren. Es war ein Lederschlägel, der ungefähr zwei Finger dick war und auf unsere schwachen Hände mit der ganzen Kraft und dem ganzen Zorn des Lehrers niederschlug.

Um diese klassische Strafe zu empfangen, musste der Schuldige sich mitten im Saal hinknien. Man musste von seiner Bank aufstehen, sich neben das Katheder knien und die neugierigen, oft höhnischen Blicke der Kameraden erleiden. Für zarte Seelen waren diese Vorbereitungen eine doppelte Qual, ähnlich wie früher der Weg des zum Tode Verurteilten zwischen Justizpalast und Schafott. Je nach den Charakteren schrieen die einen und vergossen heiße Tränen, vor oder nach der Prügelstrafe, die andern nahmen die Schmerzen mit stoischer Miene hin. Aber solange sie auf die Züchtigung warteten, konnten selbst die Stärksten das Zucken ihres Gesichtes kaum unterdrücken. Louis Lambert wurde geradezu mit Schlägen überschüttet ...

Dieser arme Dichter, der von nervöser Veranlagung war, oft wie eine Frau an hysterischen Stimmungen litt, von dauernder Melancholie befallen war, ganz krank an seinem Genie wie ein junges Mädchen an der Liebe, nach der sie sich sehnt und die sie nicht kennt: dieses starke und doch so schwache Kind, das aus seinen schönen Feldern verpflanzt worden war, um in die Gussform einer Anstalt eingezwängt zu werden, wo jeder Geist, jeder Körper, trotz seiner Bedeutung, trotz seines Temperaments, sich den Regeln und der Uniform anpassen muss, wie sich das Gold unter den Schlägen des Prägestocks zu Goldstücken rundet, dieses Kind litt überall da, wo der Schmerz an seine Seele oder an seinen Körper heranreichte. Wie ein Sträfling an die Bank seines Pultes festgeschmiedet, mit der Rute geschlagen, von Krankheiten heimgesucht, an allen seinen Sinnen leidend, in einen Ring von Schmerzen eingeengt, alles zwang ihn, seine Haut den tausend Tyranneien der Schule preiszugeben. Und wie die Märtyrer, die inmitten ihrer Folterqualen lächelten, flüchtete er sich in den Himmel, den seine Gedanken ihm öffneten.

Unser Unabhängigkeitsbedürfnis, unsere heimlichen Beschäftigungen, unser augenscheinliches Nichtstun, die Trägheit, in der wir verharrten, unsere dauernden Strafen, unser Abscheu vor Schulaufgaben und Strafarbeiten, alles dies brachte uns in den Ruf, faule und unverbesserliche Kinder zu sein. Unsere Lehrer verachteten uns, und ebenso fielen wir in den schlimmsten Misskredit bei unseren Kameraden."

(aus Balzac, Honoré de: Buch der Mystik, Louis Lambert, S. 249-251 und 265-273) Buch bestellen bei amazon

 

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"Es konnte nichts Abscheulicheres geben, als dieses Mansardenzimmer mit seinen gelben, schmutzigen Wänden, das nach Elend roch ... Die Decke senkte sich dauernd, und die losen Ziegeln ließen den Himmel durchscheinen ... Während der ersten zehn Monate meiner mönchischen Einsamkeit lebte ich so in Armut und Zurückgezogenheit; ich war zugleich mein eigener Herr und mein eigener Diener, ich lebte mit unbeschreiblicher Leidenschaft das Leben eines Diogenes."

(Aus "Die tödlichen Wünsche oder das Chagrinleder", entnommen Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 30)

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Oliver Cromwell (1599 - 1658) ist eine der umstrittensten Figuren der englischen Geschichte, und seine Person und sein Kampf gegen den absolutistischen Monarchen Karl I wurde oft in dichterischen Werken behandelt. Wahrscheinlich sah Balzac die Ähnlichkeit zwischen Cromwell und Napoleon. Cromwell war eine Figur der Weltgeschichte wie Adolf Hitler. Er ließ den König einfach hinrichten, setzte sich an dessen Stelle und regierte mit Militärherrschaft und religiösem Fanatismus. Er hielt die Engländer für die Herrenrasse, für das auserwählte Volk Gottes. Er führte, wie Napoleon und Hitler, Krieg in ganz Europa, baute die englische Flotte aus, feierte außenpolitisch große Erfolge und legte die Grundsteine für die Entwicklung Englands zur Weltmacht.

Nach Cromwells Tod, kehrte der Sohn König Karls I, Karl II, auf den Thron zurück, obwohl Cromwell die Regierungsnachfolge für seinen eigenen Sohn festgeschrieben hatte. Karl II ließ nach zwei Jahren den Leichnam Cromwells ausgraben und öffentlich schänden. (Der Großbritannien Brockhaus, Wiesbaden, 1983)

 

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"Die Einfälle häufen sich in meinem Kopf, aber ich werde immer wieder aufgehalten durch meine geringe Begabung für die Versekunst ..."

"Ich muss etwas fertig stellen, bevor Mama kommt und von mir Rechenschaft über meine Zeit verlangt". (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 35)

"Ich fühle in mir den Glauben, ich hätte einen Gedanken auszudrücken, ein System aufzubauen, eine Wissenschaft darzulegen." (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 33)

"Ohne Genie bin ich verloren." (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 35)

"Alle Kümmernisse stammen daher, dass ich einsehe, wie wenig Talent ich besitze." (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 38)

"Ich tat nichts als studieren und meinen Stil formen, bis ich glaubte, ich würde den Verstand verlieren." (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 34)

"Alle Arbeit der Welt kann einem nicht ein Körnchen Genie ersetzen." (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S.38)

 

 

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"Während seiner Vorlesung stand Lucien höllische Qualen aus ... Die Poesie erfordert, um mit der Stimme wiedergegeben, wie um erfasst zu werden, eine heilige Aufmerksamkeit. Es muss zwischen dem Leser und der Zuhörerschaft eine innige Verbindung entstehen, ohne die die elektrische Übertragung der Gefühle nicht stattfinden kann. Wo dieser enge Zusammenhang der Seelen fehlt, da geht es dem Dichter wie einem Engel, der versuchte, einen himmlischen Gesang inmitten des Hohngelächters der Hölle anzustimmen ...

Der Musiker und der Dichter wissen ebenso schnell, ob sie bewundert sind oder unverstanden bleiben, wie eine Pflanze in einer freundlichen oder feindlichen Atmosphäre, je nachdem, vertrocknet oder Leben trinkt. Aufgrund der Gesetze dieser besonderen Akustik klang in Luciens Ohr das Brummen der Männer, die nur um ihrer Frauen willen hergekommen waren und sich von ihren Geschäften unterhielten, ebenso wie er das ansteckende Gähnen einiger heftig aufgerissener Kinnbacken bemerkte, deren deutlich sichtbare Zahnreihen ihn verhöhnten. Als er gleich der Schwalbe der Sintflut eine freundliche Stelle suchte, auf der sein Blick verweilen konnte, traf er auf die ungeduldigen Blicke von Leuten, die offenbar gemeint hatten, sie könnten diese Zusammenkunft benutzen, um sich über diese und jene positiven Interessen auszusprechen ... diese eisigen Zuhörer waren weit entfernt, der Seele des Dichters nachzustreben ... Lucien empfand eine so tiefe Entmutigung, dass ihm kalter Schweiß ausbrach ... sein Dichterherz blutete aus tausend Wunden."

(Balzac, "Verlorene Illusionen", Frankfurt am Main und Leipzig, 1996, S.108/109) Buch bestellen bei amazon

 

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"Meine Seele, immer wieder gehemmt und gehindert, sich zu äußern, verschloss sich mehr und mehr in sich selbst ... Ich war scheu und linkisch ... ich konnte mich selbst nicht leiden, ich fand, ich war hässlich, und ich schämte mich über mich selbst ...

Unter den jungen Leuten meines Alters traf ich eine Sekte von Renommisten, die erhobenen Hauptes daherwandelten, nichtsagendes Zeug redeten und sich ohne jede Hemmung neben die Frauen setzten. Diese imponierten mir am meisten: mit den Unverschämtheiten, die sie zum besten gaben, mit der Art, wie sie am Knopf ihres Stöckchens knabberten, mit ihrem gezierten Geschwätz. Sie prostituierten in ihren Reden die hübschesten Frauen, sie behaupteten, sie hätten mit jeder im Bett gelegen, oder sie taten doch wenigstens so, und spielten zugleich den Erhabenen, denen solche Vergnügungen eigentlich gar nichts bedeuteten ... Ich, hingegen, habe damals genug Frauen gesehen, die ich aus der Entfernung anbetete, denen mein Herz zur Verfügung gestanden hätte, für jede Prüfung -, sie hätten mir die Seele in Stücke reißen können, meine Energie wäre von keinem Opfer, keiner Qual zurückgeschreckt. Sie gehörten Tröpfen, die ich nicht als Türsteher hätte haben wollen ...

So musste ich schließlich das Feuer, das mich verzehrte, in meiner Brust verbergen. Dabei hatte ich doch eine Seele, wie sie die Frauen sich nur wünschen können, voll jener Schwärmerei, nach der sie sich sehnen, ich besaß wirklich jene Kraft, mit der sich die Dummköpfe nur brüsteten ... Oh, das Gefühl zu haben, man sei für die Liebe geboren, dafür bestimmt, eine Frau glücklich zu machen, und keinen einzigen Menschen zu finden, ... Schätze in seinem Bettelsack mit sich zu führen und niemandem zu begegnen, nicht einmal einem Kinde oder irgendeinem neugierigen jungen Mädchen, das sie bewundern könnte. Oft habe ich vor Verzweiflung Hand an mich legen wollen."

(Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 60/61)

 

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Im Jahr 1822 schrieb Balzac an Madame de Berny:

"Den Namen Laure auszusprechen, ohne zu sagen 'ich liebe Dich' bedeutet, einen Verrat an der Liebe zu begehen." (Meyer-Petit, Panchout, Paris 1991, S. 19)

Und später schrieb Balzac in seinem umfangreichen Briefwechsel mit seiner zukünftigen Ehefrau: "Madame de Berny war wie eine Mutter für mich, und ich weinte bitterlich, als Gott die Zeit gekommen sah, sie mir zu nehmen, verständlich, wenn Du wüsstest wie meine wirkliche Mutter ist ... Sie ist beides: Ein Ungeheuer und eine Ungeheuerlichkeit in einem!" (Meyer-Petit, Panchout, Paris 1991, S. 18).

 

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"Eine Frau ... setzte sich neben mich mit der Bewegung eines Vogels, der sich auf sein Nest niederlässt. Alsbald spürte ich einen Frauenduft, der in meine Seele zog wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Ich betrachtete meine Nachbarin, und ihr Anblick begeisterte mich mehr als das ganze Fest ... Meine Augen wurden plötzlich von weißen Schultern geblendet, in die ich mich hätte vergraben mögen.

Es waren zarte Schultern, die zu erröten schienen, als wenn sie zum ersten Male nackt wären ... Zwischen den Schultern war eine Linie, über die mein Blick strich, der mutiger als meine Hand war. Zitternd reckte ich mich empor, um ihre Formen zu sehen, und wurde vollkommen gefesselt durch einen mit Gazeschleiern schamhaft verdeckten Busen, dessen alabasterne ebenmäßigen Brüste in einer Flut von Spitzen weich gebettet waren ...

All das verdrehte mir den Kopf. Nachdem ich mich versichert hatte, dass mich niemand sah, versenkte ich mich in diesen Rücken, wie ein Kind sich an den Busen der Mutter wirft, und bedeckte diese Schultern mit Küssen. Die Frau stieß einen durchdringenden Schrei aus, der aber durch die laute Musik nicht gehört wurde.

Sie drehte sich um, sah mich an und sagte: "Mein Herr!" Ach, wenn sie gesagt hätte: mein armer kleiner Mann, was fällt Ihnen ein? hätte ich sie vielleicht getötet. Aber bei diesem Wort: "Mein Herr!" stürzten mir heiße Tränen aus den Augen. Ich wurde von einem Blick durchbohrt, in dem ein heiliger Zorn brannte; ... Die Schamröte eines beleidigten Gefühls flammte in ihrem Gesicht auf, in dem aber auch schon die Verzeihung der Frau zu lesen war, die eine Tollheit versteht, wenn sie der Anlass dazu ist, und unendliche Anbetung aus den Tränen des Reuigen errät.

Sie schritt mit einer königlichen Bewegung von dannen. Jetzt erst empfand ich das Lächerliche meiner Lage ... Ich schämte mich meiner, ich blieb ganz stumpfsinnig sitzen und genoss langsam den Apfel, den ich gestohlen hatte; auf meinen Lippen fühlte ich die Wärme des Blutes, nach dem ich verlangt hatte, und verfolgte mit den Augen die von den Göttern herabgestiegene Frau. Durch den ersten sinnlichen Anblick war ich von einem verzehrenden Feuer gepackt und irrte auf dem für mich zur Wüste gewordenen Ball umher, ohne meine Unbekannte wiederzufinden.

Ich kam vollständig verwandelt nach Hause. Eine neue Seele, eine Seele mit schillernden Flügeln war in mir aufgebrochen. Mein geliebter Stern war aus den blauen Gefilden, wo ich ihn bewundert hatte, heruntergefallen und zur Frau geworden ... Ich liebte mit einem Schlage, ohne etwas von der Liebe zu wissen ... Bei dem Gedanken, dass meine Auserwählte in der Touraine lebt, atmete ich die Luft voller Seligkeit ein, entdeckte ich in dem blauen Dunst eine Farbe, die ich nirgends gesehen hatte." (Balzac, Die Lilie im Tal (aus Gesammelte Werke), Berlin 1953, S. 33/34/35) Buch bestellen bei amazon

 

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"Meine Freundschaft ist aus granitenem Stoff. Alles nutzt sich eher ab als ein in mir festgewurzeltes Gefühl. Madame de Berny ist sechzig Jahre alt; ihre Kümmernisse und Leiden haben sie bis zur Unkenntlichkeit verändert. Meine Liebe zu ihr hat sich verdoppelt." (Pohrt, Berlin, 2. Aufl. 1990, S. 33)

oder:

"Sie ist mir Mutter, Freundin, Familie, Gefährte und Ratgeber gewesen. Sie hat mich zum Schriftsteller gemacht, sie hat mich als jungen Menschen getröstet, sie hat mir Geschmack beigebracht, sie hat wie eine Schwester mit mir geweint, gelacht, sie ist alle Tage wie ein wohltätiger Schlummer gekommen, der die Schmerzen zur Ruhe bringt ... ohne sie wäre ich sicherlich gestorben ... Sie hat mich in den großen Stürmen mit ihrer Zusprache und durch Handlungen voller Aufopferung aufrecht erhalten ... Sie hat jenen Stolz in mir ermutigt, der einen Mann vor allen Niedertrachten schützt ... Sie war mir alles." (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 70)

 

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Balzac spricht mit dem Buch "Die Physiologie der Ehe" vor allem den männlichen Leser an. Zitat : "Die Frau, die sich durch den Titel dieses Buches versucht fühlen sollte, es aufzuschlagen, kann sich das ersparen: Sie hat es bereits gelesen, ohne es zu wissen" (Balzac, Physiologie der Ehe, Berlin 1990, S. 7).

Der interessierte Ehemann kann sich in diesem Brevier darüber informieren wie er seine Ehefrau richtig behandelt, an welchen Anzeichen er merkt, dass seine Frau einen Liebhaber hat (und wie er dies verhindern kann), wie er mit Schwiegermüttern und "der besten Freundin" seiner Frau umzugehen hat, wie er Streit, Stress, Kleinkrieg in seiner Ehe vermeidet und vieles mehr.

Im Nachwort Balzacs zu dem Buch steht zu lesen:

" ‚Und werden Sie sich verheiraten?' fragte die Herzogin, der der Verfasser soeben sein Manuskript vorgelesen hatte.

‚Gewiss, Madame', antwortete er. ‚Einer Frau zu begegnen, die kühn genug ist, von mir noch etwas wissen zu wollen, wird mir von jetzt an die teuerste Hoffnung sein ... in diesem Falle - verlassen Sie sich darauf - werde ich meinen bewundernden Zeitgenossen den Anblick einer Musterehe darbieten.'" (Balzac, Physiologie der Ehe, Berlin 1990, S. 385/86)

 

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"Meine Gedanken tropfen von meiner Stirn wie Wasser aus einer Quelle. Bei mir vollzieht sich der Schaffensprozess völlig unbewusst. Ich sitze in tiefer Nacht an meinem Schreibtisch, einsam, in vollkommener Ungestörtheit. Von irgendwoher fallen mir dann die Gedanken, die Sätze, die Charaktere, die Ideen, die Motive und die Handlung zu, zur rechten Zeit und an der richtigen Stelle. Ich kann nicht arbeiten ... in irgendeiner zufälligen, gestohlenen freien Stunde, zwischen zwei Mahlzeiten oder zwei Schäferstündchen. Oh, nein! Für mich sind zwei oder drei Stunden wertlos, wenn ich ins Schreiben kommen will. Und wenn ich unterbrochen werde, ist es mit meiner Eingebung hoffnungslos vorbei." (Gorham, Stuttgart - Zürich - Salzburg, ohne Jahresangabe, S. 194)

"Der Kaffee gleitet wie Öl in den Magen und weckt alle Lebensgeister. Er lässt die Gedanken wie Bataillone aufmarschieren, schickt das Gedächtnis in die vorderste Linie. Ohne Kaffee könnte ich nicht arbeiten. Ohne Kaffee könnte ich nicht leben." (Gorham, Stuttgart - Zürich - Salzburg, ohne Jahresangabe, S. 197)

 

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"Ein gottverfluchter Ehemann hat uns in fünf Tagen nicht eine Sekunde allein gelassen. Er pendelt nur zwischen dem Rock seiner Frau und meiner Weste hin und her" (Zweig, Frankfurt am Main, 1959, S. 216).

(aus einem Brief an seine Schwester)

 

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"In kleinen Städten findet man häufig Häuser, deren Anblick melancholisch stimmt, melancholisch wie das düsterste Kloster, wie die ödeste Heide oder die traurigste Ruine. Tatsächlich herrscht wohl auch in diesen Häusern das Schweigen des Klosters, die Unfruchtbarkeit der Heide und der Zerfall der Ruinen. Leben und Treiben vollziehen sich so sacht, dass ein Fremder sie für unbewohnt halten könnte, würde er nicht plötzlich dem kalten Blick eines bleichen, starren Antlitzes begegnen, das die unbekannten Schritte ans Fenster gelockt haben." (Balzac, Eugénie Grandet, Frankfurt am Main, 1988, S. 9). Buch bestellen bei amazon

 

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"Ich schellte. Es war heller, von Wolken verschleierter Mondschein. Die Straße lag verlassen da. Niemand kam. Ich schellte zum zweitenmal. Die Tür tat sich auf. Eine Magd mit einem Leuchter erschien. ‚Was will der Herr?' fragte sie. Sie weinte. Ich sagte meinen Namen. Ich wurde in den Salon geführt, der im Erdgeschoss lag und in dem auf einer Konsole dem Kamin gegenüber Davids marmorne Kolossalbüste Balzacs stand ... Es kam eine andere Frau, die ebenfalls weinte und zu mir sagte: ‚Er stirbt ... Die Ärzte haben ihn seit gestern aufgegeben ...'

Die Marmorbüste ragte verschwommen im Dämmerdunkel auf wie das Gespenst des Mannes, der jetzt sterben sollte. Leichengeruch erfüllte das Haus.

Monsieur de Surville kam herein und bestätigte alles, was die Magd gesagt hatte. Ich bat ihn, Balzac sehen zu dürfen. Wir durchschritten einen Flur ... und ich gewahrte eine offene Tür. Ich vernahm lautes, unheilverkündendes Röcheln. Ich befand mich in Balzacs Schlafzimmer ... Sein Gesicht war violett, fast schwarz, nach rechts geneigt, unrasiert, das Haar grau und kurz geschnitten, die Augen offen und starr ... Dem Bett entströmte ein unerträglicher Geruch. Ich hob die Decke und ergriff Balzacs Hand. Sie war schweißbedeckt. Ich drückte sie. Er erwiderte den Druck nicht ... Die Pflegerin sagte zu mir: ‚Bei Tagesanbruch wird er sterben.'

Ich stieg hinab und nahm in Gedanken das erlöschende Gesicht mit mir; als ich den Salon durchschritt, sah ich abermals die starre, fühllose, entrückte, unbestimmt leuchtende Büste, und ich verglich den Tod mit der Unsterblichkeit."

(aus Maurois, Wien-Düsseldorf, 1966, S. 558/59)

 

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